Idee

Autor*innenkonferenz, Videoausstellung und Literaturfestival

Zur Vorbereitung des Festivals “Berlinisi” trafen die Berliner Autor*innen Paula Fürstenberg, Hendrik Jackson und David Wagner die georgischen Autor*innen Eka Kevanishvili, Tamta Melashvili und Zviad Ratiani in der georgischen Hauptstadt, Tbilisi.

Georgien ist ein Land voller Gegensätze, eine der ältesten Kulturnationen und Gastland der diesjährigen Frankfurter Buchmesse. Es verfügt traditionell über eine sehr lebendige, umtriebige Literaturszene, die vor allem in Deutschland umfassend verlegt und rezipiert wird. Zu den in Deutschland bekanntesten Autor*innen gehören u.a. Aka Morchiladse, Zaza Burchuladze und Nino Haratischwili.

Tbilisi gilt schon seit längerem als Geheimtip, mit herzlicher Gastfreundlichkeit, wachsender Westorientierung, aber auch mit ungelösten sozialen und gesellschaftlichen Spannungen. Tbilisi – eine Stadt im Wandel – und in vielerlei Hinsicht mit dem Berlin der 90er Jahre vergleichbar.

In dieser Autor*innenkonferenz stellten die Autor*innen Fragen zur georgischen und Berliner Literatur, ohne diese zu beantworten, stellten Selbstverständlichkeiten in Frage und befragten einander zu den Prämissen ihres Schreibens. Zudem wählten sie in der Rolle von Kurator*innen acht georgische und acht Berliner Autor*innen aus, die nach Berlin zu einem Literaturfestival eingeladen werden. Während die Konferenz-Autor*innen eher etablierte, gut vernetzte Autor*innen sind, die auch ein kuratorisches Interesse haben, sollen bei der Auswahl für das Festival eher junge Stimmen berücksichtigt werden, eine Auswahl, die so nur vor Ort – in Georgien – und durch kuratierende Autor*innen aus beiden Ländern möglich ist.

Die konzeptionelle Vorbereitungsphase ist ausdrücklich integraler Bestandteil des Festivals. Neben der konzeptionellen Vorbereitung des Festivals und der Auswahl der einzuladenden Autor*innen ergaben sich spannende dialogische Befragungen. Lebhaft diskutiert wurde, unter welchen Bedingungen heute Schreiben möglich ist, wie man sich allen ökonomischen und gesellschaftspolitischen Zwängen zum Trotz, Freiräume schaffen kann:

  • Auf welche literaturbetrieblichen und Marktbedingungen können Autor*innen in Berlin und Tbilisi zurückgreifen, wie sind institutionelle Fördertableaus ausgestaltet, welche Publikationsmöglichkeiten sind vorhanden, wie können junge Autor*innen auf sich aufmerksam machen, welche Auftrittsmöglichkeiten und literarischen Vermittlungsformate gibt es in einem Feld unsicherer Zuschreibungsprozesse?
  • Wie organisieren sich Autor*innen, gibt es Kollaborationen, selbstverwaltete Strukturen? Wie vernetzen sich Autor*innen, welche Partnerschaften und Allianzen gehen sie ein? Welche Rolle spielt das Internet, spielen die sozialen Medien?
  • Welche Selbstvermarktungsstrategien sind denkbar, wie werden Autor*innen von der Öffentlichkeit wahrgenommen, wie erzeugen sie Öffentlichkeit, wie kann eine literarische Existenz aufrechterhalten werden, obwohl man von ihr nicht leben kann, auf welche finanziellen Standbeine können/müssen Autor*innen zurückgreifen?
  • In wie weit ergeben sich durch tagespolitische Ereignisse, gesellschaftliche Konstellationen und Entwicklungen Schreibanlässe? In wie weit beeinflussen Gesellschaft, Medien, Politik, Kirche, Wirtschaft das literarische Feld? Wie wirken sie sich auf die kulturelle Praxis des Schreibens aus?
  • Welche aktuellen Schreibpraktiken, Poetiken, (Sub)Szenen, Traditionsbezüge, transdisziplinäre Ansätze oder prägen die jeweiligen Literaturszenen in Berlin und Tibilisi?

Die vorbereitende Reise wurde durch die Filmemacher*innen Sabie Cabon und Felix Oehler begleitet, die u.a. sogenannte „Frage-Frage-Dialoge“ zwischen Autorentandems aufnahmen und aus dem gesammelten Material drei Filme aus der Perspektive der drei deutschen Autor*innen auf die georgische Literatur erstellten. Diese werden in Form einer Videoausstellung während des Festivals in Berlin präsentiert. Gleichzeitig findet mit den 16 Berliner und georgischen Autor*innen das Festival statt. Von allen Autor*innen werden Übersetzungen in die jeweils andere Sprache angefertigt, die auch in deutschen und georgischen Publikationen veröffentlicht werden sollen.

Die 16 zum Festival einzuladenden Autor*innen wurden in Anknüpfung an die „Frage-Frage-Dialoge“ der kuratierenden Autor*innen ausgewählt und korrespondieren in ihren künstlerischen Interessen miteinander. Sie nutzen die Festivalzeit neben den Lesungen und Veranstaltungen zum intensiven Gespräch und Austausch in wechselnden Autor*innen-Gruppierungen, so dass perspektivisch langfristige Autor*innenbeziehungen gestiftet und die künstlerische Entwicklung aller Beteiligten gefördert wird. Gerade unbekannten jüngeren Autor*innen wird diese Möglichkeiten des internationalen Austauschs nur äußerst sehr selten gegeben. Die Lettrétage als Ankerinstitution der Freien Literaturszenen Berlin sieht ihre Aufgabe auch und gerade in diesen Aspekten ‚struktureller‘ Autor*innenförderung. Daraus möglicherweise resultierende ‚Nachfolge-Projekte‘ der beteiligten Autor*innen sollen nach Möglichkeit im kommenden EU-Kooperationsprojekt CROWD II, das die Lettrétage zurzeit für die Jahre 2020ff. plant, eingebunden werden. Auch Folgeveranstaltungen der Berliner Autor*innen in Georgien – auf Grundlage der hier erarbeiteten Übersetzungen und Videos – sind dabei vorgesehen. Die zu erwartende Aufmerksamkeits-Konjunktur für Georgien und georgische Literatur durch den Gastlandauftritt auf der Frankfurter Buchmesse 2018 soll so zur Etablierung langfristiger Bindungen zwischen Literaturschaffenden aus Berlin und Georgien genutzt werden, welche die Grundlage für einen nachhaltigen Austausch bilden.

BERLINISI ist ein Projekt der Lettrétage. Projektleiter ist Eric Schumacher. Gefördert wird es von der Senatsverwaltung für Kultur und Europa und dem Georgian National Book Center.