Fragebogen Julia Dorsch

Für unser Festival haben wir allen teilnehmenden Autor*innen einen Fragebogen mit 10 Fragen vorgelegt, über die sie uns Auskunft geben über ihr Schreiben, über Berlin/ Tbilisi als Orte des Schreibens.

Den Anfang macht Julia Dorsch.

© HELGE FERBITZ

1. Welchen Einfluss hat Berlin auf deine Arbeit?

Vermutlich einen ständigen. Mal ist der Einfluss offensichtlich, wenn ich die Stadt beobachte und über sie Notizen mache oder gezielt über die Aspekte des Berliner Stadtlebens nachdenke und schreibe, mal ist er vielleicht eher unterbewusst, es fließt eine gewisse Lebenshaltung oder Annahme mit ein oder ich wähle unbewusst eine altbekannte Umgebung für die Verortung eines Gedichts. Berlin überbordet an den Rändern ja auch vor üppiger Natur, versteckte Seen und Wanderwege laden immer gern zu einem gedankentreibenden Spaziergang.

2. Was gefällt dir an Berlin? Was nervt dich?

Habe ich die Ränder erwähnt? Abgesehen davon genieße ich die Anonymität und die Vielfalt in verschiedener Hinsicht, z.B. auch kulinarisch, um nur einen mir lieben Punkt zu nennen… Ein anderer Vorteil von Großstädten sind die vielen Winkel und Nischen, in die man schlüpfen kann, man findet immer ein Fleckchen das zu einem passt, Stichwort Kunst- und Kulturszenen. Als Anhängerin ungeregelter Tagesabläufe bin ich außerdem Berlins Schlaflosigkeit hoffnungslos verfallen. Störend ist in meinem Kiez unter anderem etwas, dass ich aus Sicherheitsgründen als schon früh aus meinem Buggy heraus zu benennen lernte: Hundekacke! Zusammen mit verschiedenen anderen abgelegten Gegenständen und undefinierbarer Materie entwickelt sie in den Straßen mitunter strapazierende Umstände für den Geruchssinn. Ansonsten das übliche, ausfallende oder verstopfte Verkehrsmittel, Bürgerämter und der fulminante Ideenreichtum der Werbebranche, der sich auf viel zu vielen Flächen bemerkbar macht.

3. Wie nimmst du die Literaturszene in Berlin wahr?

Es gibt eine Palette von super-etabliert bis unabhängig bis underground, in Vergleich zu anderen Städten ist die Szene sehr groß, trotzdem trifft man sich wieder. Der Zugang zu den etablierten Strukturen ist nicht übermäßig transparent, es gibt diesbezüglich aber Veränderungen. Generell fehlt es für meinen Geschmack an Vernetzung im underground und newcomer Segment, insbesondere über die verschiedenen Sprachen hinweg. Meine Sicht beschränkt sich allerdings auf den Bereich Lyrik.

4. An welchem Projekt arbeitest du gerade?

Eine kleine lyrische Ausstellung soll im Oktober entstehen, ich widme mich dafür Überlegungen zur Verbindung von Lyrik und Gegenständen.

5. Wie bringst du dich für dein Schreiben in Stimmung? Welche Ressourcen, welche Schreibumgebung, -atmosphäre benötigst du?

Spaziergänge, unterwegs sein, Ortswechsel, Beobachten, Lesen und Kunst verschiedener Art bringen Ideen, das Gleichgewicht von genug Ruhe um das Innere zu Hören und Genug Impuls ist nicht immer einfach zu finden. Für das Zusammenfügen, Modellieren und Meißeln von Ideen sollte ein möglichst ruhiger, einsamer und verschlossener Raum mit einem Fenster da sein. Das wichtigste ist aber die Zeit. Das Gefühl von zeitlicher Weite für die Entstehung einer Idee, Zeit, die Dinge zu sehen, Zeit für einen freien Kopf in dem Worte und Sätze Platz haben, genug Zeit für die Arbeit am Schreibtisch und manchmal auch wenig und doch nicht zu wenig Zeit, für den gewissen Kick, eine Zeitgrenze an der richtigen Stelle. Außerdem noch genug Zeit zum Leben, damit es etwas gibt, was man zu sagen hat.

6. Wie entwickelt sich ein literarischer Text bei dir?

Ich schreibe zurzeit vor allem Lyrik, dafür sammle ich fortlaufend Wörter, Bilder, Ideen, Sätze in meinen Notizbüchern. Wenn ich Zeit finde oder, noch besser, einen Tritt bekomme, setze ich mich hin und füge alles zusammen, baue aus, ergänze, überlege mir Form, Perspektive, Beziehung usw.. Dann manchmal überarbeiten, überarbeiten und nochmal und manchmal nicht. Alternativen sind Collagen und, was ich besonders zu lieben gelernt habe, Gedichte zu Bildern und Fotos, da kann ich manchmal innerhalb von ein paar Stunden richtig abgehen und einfach runterschreiben.

7. Wieviel Zeit verbringst du pro Woche mit deinem Schreiben, und bist du damit zufrieden?

Die Zeit in Stunden zu schätzen ist schwer, da Notizen-sammeln, Nachdenken, Recherchieren, Zusammenfügen, Ausarbeiten, Erarbeiten, Überarbeiten unregelmäßig und zu verschiedenen Zeitpunkten stattfinden. Ich schätze 0 bis 8 Stunden. Allerdings würde ich gern viel mehr Zeit haben, in meiner Idealvorstellung kann ich mich an mehreren Tagen die Woche an meine Texte setzen und Schreibspaziergänge machen. Ich wünsche mir vor allem eine gewisse Regelmäßigkeit, sodass ich kontinuierlicher arbeiten kann, was mit Job& Studium leider nicht so einfach ist. Zudem beansprucht die Arbeit “um das Schreiben herum” ja auch einiges an Stunden.

8. Welche aktuellen gesellschaftlichen Themen beschäftigen dich gerade? Und haben sie Auswirkungen auf dein Schreiben?

Fragen bezüglich Konsum, wie man ihn verändern und ihm ausweichen kann, z.B. verschenken, tauschen, reparieren, selber machen, “Reste” nutzen usw.. Außerdem interessieren mich gemeinschaftliche Wirtschaftsformen. Diese Themen habe ich aber bisher nicht direkt in mein Schreiben miteinbezogen.

9. Wie bist du zum Schreiben gekommen?

Ganz klassisch: als Teenager über das Tagebuchschreiben, einen bestärkenden Lehrer zur Zeit des Themas “Lyrik” im Deutschunterricht, einen Besuch mit Lyrikanthologie-Kauf bei einer kleinen Literaturmesse und ein generelles Gefühl von Sturm&Drang.

10. Wie nutzt du das Internet und Social Media-Plattformen für dein Schreiben und als Präsentationsort?

Ich nutze Facebook innerhalb meines Kollektivs und auch einzeln als eine Art Werbeplattform, bin damit aber eher unzufrieden, es gibt meines Erachtens ein Überangebot und ich finde es schwierig, eine Zielgruppe zu finden und zu erreichen.